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Für eine Handvoll Minuten – So viel bringt rasen in der Großstadt

12. Oktober 2016

Es gibt viele gute Gründe, schnell nach Hause zu wollen und so wenig Zeit wie möglich im Großstadtverkehr zu verbringen. Also beeilen sich alle, gehen an die Grenzen der Tempolimits und darüber hinaus. Aber was bringt schnelles Autofahren in der Stadt wirklich? Ist man damit tatsächlich eher am Ziel oder nur erster an der nächsten roten Ampel?

Sicherheit geht vor

Die Geschwindigkeitsbegrenzungen von 50 km/h in geschlossenen Ortschaften gibt es in Deutschland erst seit 1957, nachdem in den Jahren zuvor die Zahl der Verkehrstoten dramatisch angestiegen war. Das Argument der Sicherheit gilt trotz rückläufiger Unfallzahlen noch heute: Der Bremsweg eines Autos mit 30 km/h beträgt etwa 13 Meter und damit nur die Hälfte des Weges bei 50 km/h. Wer mit 60 km/h fährt braucht sogar 34 Meter bis zum Stillstand und ist beim Haltepunkt des 50 km/h-Fahrers noch immer 40 km/h schnell. Besonders für „weiche“ Verkehrsteilnehmer wie Fußgänger und Fahrradfahrer sind schnelle Autofahrer also eine große Gefahr.

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Foto: Autobahn von Mario Spann, CC BY-SA 2.0

So viel Zeit könnte man theoretisch sparen

Bei einer Geschwindigkeit von 50 km/h bräuchte man für einen zehn Kilometer langen Arbeitsweg – rein theoretisch und ohne Ampeln – zwölf Minuten. Bei 60 km/h sind es zehn und bei 70 km/h etwa achteinhalb Minuten. Wenn wir die Strecke verdoppeln, sind es bei den gleichen Geschwindigkeiten 24, 20 und 17 Minuten Fahrtzeit. Allerdings sind 20 km Arbeitsweg in der Stadt eher die Ausnahme und die paar Minuten Zeitgewinn verbunden mit einer deutlichen Geschwindigkeitsübertretung wirken kaum attraktiv.

So schnell ist man wirklich

Setzen wir mal voraus, die Sicherheit von Fußgängern und Radfahrern sei garantiert und jede Minute zählt: Wäre Schnellfahren dann sinnvoll? Offensichtlich nicht. Denn der Verkehr fließt umso besser, je mehr Fahrer mit einem ähnlichen Tempo fahren. Sind die Geschwindigkeitsunterschiede größer, werden Spurwechsel schwieriger und das verstärkte Beschleunigen und Abbremsen erhöht die Stau- und Unfallgefahr. Vom fließenden Verkehr profitieren also alle. Einzelne Raser tragen hingegen nur dazu bei, dass die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit in Großstädten von rund 30 km/h noch weiter sinkt.

Andere Einflüsse auf die Geschwindigkeit

Rote Ampeln sind Nadelstiche mitten ins Herz des Rastlosen. Die Ampelschaltung in Großstädten ist jedoch so aufwendig, dass die perfekte grüne Welle in der Realität unmöglich ist. Dazu kommen Ampeln für besondere Bedürfnisse wie Kindergärten oder Seniorenheime und die Bevorzugung von Bus- und Straßenbahnspuren – eine verkehrspolitische Entscheidung, bei der ökologisch nachhaltigere Transportmittel mit mehr Teilnehmern bevorzugt werden. Die Chancen, dass man an der nächsten Kreuzung wieder bei Rot steht, sind also relativ hoch. Rasen bringt dann auch nichts – von einer stärkeren Umweltbelastung und einem gesteigertem Lärmpegel mal abgesehen.

Am Ende des Tages ist es auch eine persönliche Entscheidung: Bin ich bereit, die Gesundheit von mir und meinen Mitmenschen zu riskieren und meinen eigenen Stresspegel hochzutreiben, um ein paar Minuten schneller zu sein? Oder schalte ich lieber einen entspannten Radiosender ein, schone Nerven und Umwelt?

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Foto: Snail Traffic Jam von Jürgen Schiller Garcia, CC BY 2.0

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